Peter Schirmbacher und die Langzeitarchivierung – eine geglückte Beziehung


Von Reinhard Altenhöner

Eine gleichbleibend wichtige Linie in Peter Schirmbachers langjähriger beruflicher Arbeit ist das elektronische Publizieren und in diesem Zusammenhang hat er sich auf vielfache Weise auch mit der Sicherung der Verfügbarkeit digitaler Objekte über lange Zeiträume hinweg beschäftigt. Neben einer ganzen Reihe von Projekten haben wir auch im nestor-Kompetenznetzwerk Langzeitarchivierung zusammengearbeitet. Und dies ist ein schöner Anknüpfungspunkt, um daran und an Peter Schirmbachers Rolle in nestor und sein Wirken auf dem Gebiet der LZA insgesamt zu erinnern und zugleich die Linie bis zum heutigen Stand der Langzeitarchivierung in Deutschland durchzuziehen.

Aus verschiedenen Gründen bildet nestor, das deutsche Kompetenznetzwerk zur digitalen Langzeitarchivierung, einen besonderen Kulminationspunkt im Wirken Peter Schirmbachers. Es entstand 2003 mit Hilfe einer Projektförderung des BMBF: Sechs Gründungspartner etablierten ein Netzwerk für die Belange der Langzeitarchivierung digitaler Ressourcen, einer dieser Partner war der Computer- und Medienservice (CMS) gemeinsam mit der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin. Peter Schirmbacher war als Leiter des CMS einer der wesentlich treibenden Kräfte bei der Antragstellung und Durchführung, er bestimmte die Ziele des Projekts ganz maßgeblich mit: Neben der Sensibilisierung für die Problematik und Dringlichkeit des Themas selbst ging es um den Aufbau eines Expertennetzwerks, die Gewinnung neuer und die Verbreitung vorhandener Informationen zu laufenden Forschungsvorhaben, Projekten und Best-Practice-Ergebnissen im Bereich der Langzeitarchivierung, aber auch um die Etablierung eines Forums für die Entwicklung und Koordination von Strategien zur Langzeitarchivierung und -verfügbarkeit digitaler Quellen. Dabei sollten von Anfang an internationale Entwicklungen einbezogen werden, nestor also auch als Brücke für die Verbindung zu vergleichbaren Initiativen im Ausland dienen. Daneben bildeten die konkrete Unterstützung und Entwicklung von relevanten Dienstleistungen, Technologien und Standards eine wesentliche Aufgabe im Portfolio des neu entstehenden Kompetenznetzwerks.

Hinzu kam – und vermutlich spiegelte sich gerade hierin die Sicht von Peter Schirmbacher – auch der Aufbau von strategischen Allianzen mit nationalen und internationalen Partnern aus Industrie und Forschungseinrichtungen, also Partnern jenseits der Gründungscommunity von nestor, die sich im Wesentlichen aus Kulturerbeeinrichtungen formierte. Mit dem Nachfolgeprojekt nestor II – Peter Schirmbacher nun im Beirat des Projekts aktiv, das CMS und die Universitätsbibliothek der HU Berlin blieben ein wesentlicher Partner – wurden in den Jahren ab 2006 diese Ergebnisse weitergeführt und neue Akzente gesetzt. So wurde etwa eine Reihe von Standardisierungsentwicklungen aus dem Kreis der nestor-Partner in die nationale Normenwelt (DIN) überführt und damit für wesentlich breitere Anwenderkreise sichtbar. Es erfolgte die Anbindung an die Grid/e-Science Community, in deren Aktivitäten die Anforderungen an die Sicherung der Langzeitverfügbarkeit insbesondere von Forschungsdaten sich zu einem wesentlichen Element entwickelten. Ein weiterer Schwerpunkt lag in der Abstimmung und Bereitstellung von Angeboten im Bereich der Aus- und Weiterbildung sowie in der stärkeren Zusammenarbeit der deutschen Hochschuleinrichtungen bei der Abstimmung und Weiterentwicklung der Curricula. Im Ergebnis verankerten nahezu alle Hochschulen in Deutschland das Thema der Langzeitarchivierung in ihren Lehrplänen, stimmten und stimmen sich regelmäßig ab und sorgen so einerseits dafür, dass der Nachwuchs mit einem definierten Wissensstand in den Beruf geht, andererseits ein gemeinsam akzeptierter Standard dazu existiert, was in diesem Fachthema vermittlungsrelevant ist. Ein weiteres Ziel des fortgeführten nestor-Projekts betraf – neben der inhaltlichen Verbreiterung des nestor-Angebots, das sich u. a. in einer Reihe neuer Arbeitsgruppen manifestierte – die Überführung des Projektes in eine dauerhafte Organisationsform.

Die Frage der Weiterführung von nestor nach dem Auslaufen der Förderung durch das BMBF stellte eine besondere Herausforderung dar: Schnell war klar, dass nur eine funktionierende Geschäftsstelle auf Dauer sicherstellen könne, dass die verschiedenen Aktivitäten und Arbeitsplattformen von nestor sich nicht fragmentieren oder auflösen und nestor mit einem klaren Profil sicht- und erkennbar bleibe, um seine zunehmend akzeptierte Rolle als Interessensvertretung der Kulturdomäne wahrzunehmen. In dieser Situation entschied die Deutsche Nationalbibliothek, durch die befristete Finanzierung einer Stelle die Fortführung der Arbeit abzusichern. Allerdings musste die Geschäftsstelle in das Gefüge der Partner eingepasst werden, deren Anforderungen einerseits und der Anspruch, auch kurzfristig auf Ereignisse oder Anfragen reagieren zu können andererseits in einer „internen Verfasstheit“ abgebildet werden. Das in den Jahren 2008 und 2009 austarierte Organisationsmodell mit einem Sprecherrat und einem Direktorium aller nestor-Mitglieder geht ganz wesentlich auf Peter Schirmbacher zurück und funktioniert noch heute. Insofern war es auch kein Wunder, dass Peter Schirmbacher auch bald die Rolle einer der drei Sprecher übernahm und eine Reihe von Jahren innehatte.

Nestor ist weiterhin aktiv und wird nun seit Juli 2009 als Kooperationsverbund von den bisherigen und einer ganzen Reihe neu hinzu gekommener Partnern weitergeführt. Es ist nestor gelungen, sehr unterschiedliche Institutionen aus unterschiedlichen Bereichen der Kultur unter einem Dach zusammenzubringen. Das ist umso bemerkenswerter, als die Zusammenarbeit der verschiedenen Sparten nicht viele Beispiele kennt, in denen über Jahre hinweg an einem gemeinsamen Thema gearbeitet wird – die Deutsche Digitale Bibliothek beweist gerade, welche Fortschritte erreicht wurden. Nestor-Partner stellen sich gegenseitig ihre Expertise zur Verfügung, gleichzeitig fungiert nestor als allgemeine Informationsplattform für Fragen rund um die digitale Langzeitarchivierung und als Plattform, um neu Orientierung suchenden Einrichtungen einen Anlaufpunkt zu bieten, von dem aus sie gezielte Unterstützung einholen können. Vor diesem Hintergrund ist verständlich, warum in nestor eine sehr viel größere Zahl von Einrichtungen mitwirken, als sich an der Zahl der Partner bemessen lässt. Veranstaltungen und Workshops gleichermaßen sowie eine große Zahl von Publikationen (beispielsweise das nestor-Handbuch) helfen mit, Erkenntnisse aus der Arbeit von nestor und seiner Arbeitsgruppen in die nationale und internationale Diskussion zu tragen.

Peter Schirmbacher hat nestor in den langen Jahren seiner Tätigkeit wesentlich mitgeprägt. Ein besonderer Akzent waren dabei Bemühungen, die Basis von nestor über die Kulturerbeeinrichtungen hinaus wesentlich zu erweitern und auch kommerziell agierende Partner für nestor zu gewinnen. Hier Kontakte in die Computer- und Softwareindustrie zu knüpfen und Partner für das gemeinsame Anliegen zu gewinnen, war ihm ein wichtiges Anliegen. Auch wenn es letztlich zumindest nicht stabil gelang, größere Konzerne an nestor zu binden, kann man doch festhalten, dass Peter Schirmbacher großen Anteil daran hatte, dass nestor in der öffentlichen Wahrnehmung große Präsenz auch außerhalb der Kernbereiche der Bibliotheken, Archive und Museen erreicht hat.

Die Aktivitäten von Peter Schirmbacher in nestor waren zeitlich und inhaltlich eingebettet in eine ganze Reihe von Projekten, die er und seine MitarbeiterInnen oft in Kooperation mit anderen Partnern durchführten. Ich nenne hier beispielhaft das DFG-geförderte Projekt LuKII – LOCKSS (Lots of Copies Keep Stuff Safe) und KOPAL (Kooperativer Aufbau eines Langzeitarchivs digitaler Informationen) Infrastruktur und Interoperabilität, in dem es um den Aufbau einer kostengünstigen, vollwertigen LZA-Infrastruktur (Aufbau eines CLOCKSS-Netzwerks in Deutschland) ging und andererseits um die Integration von Ergebnissen aus KOPAL (hier vor allem das Migrationsmanagement) in die Plattform LOCKSS, die als technische Basis für das CLOCKSS-Netzwerk fungiert. Thematisch eng verwandt waren außerdem die Projekte LAUDATIO, ein Repository zur nachhaltigen Speicherung und Bereitstellung von Forschungsdaten für die historische Linguistik und als übergeordnetes Nachweissystem das DFG-Projekt „re3data.org“, ein Web-basiertes Recherche- und Nachweissystem von Forschungsdaten-Repositorien.

Kennzeichnend für diese Projekte, die nur beispielhaft für viele andere stehen, ist, dass sie im Kern sämtlich Infrastruktur-bildend ausgerichtet sind. Verschiedene, zum Teil bereits etablierte Arbeits- und Serviceinstrumente werden zusammengebracht oder technisch so verknüpft, dass aus der Kombination ein Mehrwert für den wissenschaftlichen Anwender entsteht. Dabei war es Peter Schirmbacher ein besonderes Anliegen, neuere Entwicklungen in vorhandene, etablierte Abläufe einzubringen und sie so besser zu machen. Darum wundert es nicht, dass die Entstehung, Publikation und nachhaltige Absicherung von Hochschularbeiten in digitaler Form einen besonderen Schwerpunkt seiner Arbeit und der oft von ihm initiierten Projekte bildet: In mehreren Projekten wurde die Abgabe vor Ort und die zentrale Absicherung dieser Arbeiten zunächst prototypisch realisiert und dann in den dauerhaften Betrieb überführt. Auf dieser Linie liegt auch das jüngste Projekt in dieser Reihe, durchgeführt nun von der HU Berlin und der DNB unter dem Titel „eDissPlus“, das die fachlich angemessene, die Nachnutzung und Überprüfbarkeit der Daten sicherstellende Übernahme der bei der Entstehung dieser Arbeiten anfallenden Forschungsdaten in eine langfristig verfügbare Infrastruktur optimiert und entsprechende Abläufe etabliert.

Peter Schirmbachers Intention, durch solche Aktivitäten verstreute Fäden zusammenzuknüpfen, ließe sich auch an anderer Stelle weit außerhalb konkreter Projekte entdecken. So hat er über mehrere Jahre hinweg die Zusammenarbeit von DINI, der Deutschen Initiative für Netzwerkinformation und nestor auf fachlicher Ebene, insbesondere bei der Zertifizierung von Repositorien, an verschiedenen Stellen befördert.

Hinter all diesen Bemühungen und letztlich auch dem Engagement Peter Schirmbachers in nestor steht die sehr ernsthaft empfundene Besorgnis, dass viele der in Projekten entwickelten Lösungen keine Nachhaltigkeit erreichen, dass es nicht gelingt, größere, vernetzte, angemessen finanzierte und organisierte Infrastrukturkomponenten zu etablieren, die untereinander interoperabel sind und den NutzerInnen in Wissenschaft, Lehre und Forschung die dringend benötigten Dienste im Sinne einer Servicelandschaft zur Verfügung zu stellen. Wenn Schirmbacher schon 2011 fast kopfschüttelnd vor der Flut an nationalen und regionalen Empfehlungen steht und resümierend eine „deutschlandweite Gesamtstrategie“ einfordert, dann weist dies deutlich auf die Situation hin, die wir noch heute konstatieren müssen. Insbesondere der Bereich der Absicherung der Langzeitverfügbarkeit digitaler Objekte (Publikationen und Forschungsdaten) ist noch immer in hohem Maße in Teilanwendungen und -lösungen fragmentiert und nach Datentypen und Sparten segmentiert. Häufig hängt es von lokalen Zufällen ab, ob die stabile Absicherung von Forschungsergebnissen wirklich garantiert werden kann. An deutlichen Aussagen zu diesem Stand fehlt es nicht, zuletzt viele Vorgängerpapiere zusammenführen konnte das Empfehlungspapier des Rats für Informationsinfrastrukturen (RfII) „Leistung durch Vielfalt. Empfehlungen zu Strukturen, Prozessen und Finanzierung des Forschungsdatenmanagements in Deutschland“. Die hier angeregte Gründung einer Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) akzentuiert sehr deutlich die hohe Priorität, die die Nachhaltigkeit und Langzeitverfügbarkeit von Forschungsdaten für Wissenschaft und Forschung haben. An der klaren, insbesondere für Wissenschaft und Forschung jederzeit greif- und nutzbaren Gesamtstruktur für die Absicherung dieser digitalen Daten fehlt es. Dass nestor als Kompetenznetzwerk hier vielfach als ein wesentlicher Faktor und Anknüpfungspunkt für die Etablierung der erforderlichen Servicelandschaft benannt wird, ist nicht zuletzt auch ein Verdienst von Peter Schirmbachers Wirken für nestor. Vielleicht ist es nun allmählich so weit, dass die (forschungs-)politischen Entscheidungsträger in dem förderalen Gesamtsystem Deutschland nun ein klares Mandat aussprechen und dieses von Anfang an mit einer konkreten Finanzierungsperspektive versehen, ganz so wie es Peter Schirmbacher schon 2011 angemahnt hat.