Peter Schirmbacher und die Langzeitarchivierung – eine geglückte Beziehung


Von Reinhard Altenhöner

Eine gleichbleibend wichtige Linie in Peter Schirmbachers langjähriger beruflicher Arbeit ist das elektronische Publizieren und in diesem Zusammenhang hat er sich auf vielfache Weise auch mit der Sicherung der Verfügbarkeit digitaler Objekte über lange Zeiträume hinweg beschäftigt. Neben einer ganzen Reihe von Projekten haben wir auch im nestor-Kompetenznetzwerk Langzeitarchivierung zusammengearbeitet. Und dies ist ein schöner Anknüpfungspunkt, um daran und an Peter Schirmbachers Rolle in nestor und sein Wirken auf dem Gebiet der LZA insgesamt zu erinnern und zugleich die Linie bis zum heutigen Stand der Langzeitarchivierung in Deutschland durchzuziehen.

Aus verschiedenen Gründen bildet nestor, das deutsche Kompetenznetzwerk zur digitalen Langzeitarchivierung, einen besonderen Kulminationspunkt im Wirken Peter Schirmbachers. Es entstand 2003 mit Hilfe einer Projektförderung des BMBF: Sechs Gründungspartner etablierten ein Netzwerk für die Belange der Langzeitarchivierung digitaler Ressourcen, einer dieser Partner war der Computer- und Medienservice (CMS) gemeinsam mit der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin. Peter Schirmbacher war als Leiter des CMS einer der wesentlich treibenden Kräfte bei der Antragstellung und Durchführung, er bestimmte die Ziele des Projekts ganz maßgeblich mit: Neben der Sensibilisierung für die Problematik und Dringlichkeit des Themas selbst ging es um den Aufbau eines Expertennetzwerks, die Gewinnung neuer und die Verbreitung vorhandener Informationen zu laufenden Forschungsvorhaben, Projekten und Best-Practice-Ergebnissen im Bereich der Langzeitarchivierung, aber auch um die Etablierung eines Forums für die Entwicklung und Koordination von Strategien zur Langzeitarchivierung und -verfügbarkeit digitaler Quellen. Dabei sollten von Anfang an internationale Entwicklungen einbezogen werden, nestor also auch als Brücke für die Verbindung zu vergleichbaren Initiativen im Ausland dienen. Daneben bildeten die konkrete Unterstützung und Entwicklung von relevanten Dienstleistungen, Technologien und Standards eine wesentliche Aufgabe im Portfolio des neu entstehenden Kompetenznetzwerks.

Hinzu kam – und vermutlich spiegelte sich gerade hierin die Sicht von Peter Schirmbacher – auch der Aufbau von strategischen Allianzen mit nationalen und internationalen Partnern aus Industrie und Forschungseinrichtungen, also Partnern jenseits der Gründungscommunity von nestor, die sich im Wesentlichen aus Kulturerbeeinrichtungen formierte. Mit dem Nachfolgeprojekt nestor II – Peter Schirmbacher nun im Beirat des Projekts aktiv, das CMS und die Universitätsbibliothek der HU Berlin blieben ein wesentlicher Partner – wurden in den Jahren ab 2006 diese Ergebnisse weitergeführt und neue Akzente gesetzt. So wurde etwa eine Reihe von Standardisierungsentwicklungen aus dem Kreis der nestor-Partner in die nationale Normenwelt (DIN) überführt und damit für wesentlich breitere Anwenderkreise sichtbar. Es erfolgte die Anbindung an die Grid/e-Science Community, in deren Aktivitäten die Anforderungen an die Sicherung der Langzeitverfügbarkeit insbesondere von Forschungsdaten sich zu einem wesentlichen Element entwickelten. Ein weiterer Schwerpunkt lag in der Abstimmung und Bereitstellung von Angeboten im Bereich der Aus- und Weiterbildung sowie in der stärkeren Zusammenarbeit der deutschen Hochschuleinrichtungen bei der Abstimmung und Weiterentwicklung der Curricula. Im Ergebnis verankerten nahezu alle Hochschulen in Deutschland das Thema der Langzeitarchivierung in ihren Lehrplänen, stimmten und stimmen sich regelmäßig ab und sorgen so einerseits dafür, dass der Nachwuchs mit einem definierten Wissensstand in den Beruf geht, andererseits ein gemeinsam akzeptierter Standard dazu existiert, was in diesem Fachthema vermittlungsrelevant ist. Ein weiteres Ziel des fortgeführten nestor-Projekts betraf – neben der inhaltlichen Verbreiterung des nestor-Angebots, das sich u. a. in einer Reihe neuer Arbeitsgruppen manifestierte – die Überführung des Projektes in eine dauerhafte Organisationsform.

Die Frage der Weiterführung von nestor nach dem Auslaufen der Förderung durch das BMBF stellte eine besondere Herausforderung dar: Schnell war klar, dass nur eine funktionierende Geschäftsstelle auf Dauer sicherstellen könne, dass die verschiedenen Aktivitäten und Arbeitsplattformen von nestor sich nicht fragmentieren oder auflösen und nestor mit einem klaren Profil sicht- und erkennbar bleibe, um seine zunehmend akzeptierte Rolle als Interessensvertretung der Kulturdomäne wahrzunehmen. In dieser Situation entschied die Deutsche Nationalbibliothek, durch die befristete Finanzierung einer Stelle die Fortführung der Arbeit abzusichern. Allerdings musste die Geschäftsstelle in das Gefüge der Partner eingepasst werden, deren Anforderungen einerseits und der Anspruch, auch kurzfristig auf Ereignisse oder Anfragen reagieren zu können andererseits in einer „internen Verfasstheit“ abgebildet werden. Das in den Jahren 2008 und 2009 austarierte Organisationsmodell mit einem Sprecherrat und einem Direktorium aller nestor-Mitglieder geht ganz wesentlich auf Peter Schirmbacher zurück und funktioniert noch heute. Insofern war es auch kein Wunder, dass Peter Schirmbacher auch bald die Rolle einer der drei Sprecher übernahm und eine Reihe von Jahren innehatte.

Nestor ist weiterhin aktiv und wird nun seit Juli 2009 als Kooperationsverbund von den bisherigen und einer ganzen Reihe neu hinzu gekommener Partnern weitergeführt. Es ist nestor gelungen, sehr unterschiedliche Institutionen aus unterschiedlichen Bereichen der Kultur unter einem Dach zusammenzubringen. Das ist umso bemerkenswerter, als die Zusammenarbeit der verschiedenen Sparten nicht viele Beispiele kennt, in denen über Jahre hinweg an einem gemeinsamen Thema gearbeitet wird – die Deutsche Digitale Bibliothek beweist gerade, welche Fortschritte erreicht wurden. Nestor-Partner stellen sich gegenseitig ihre Expertise zur Verfügung, gleichzeitig fungiert nestor als allgemeine Informationsplattform für Fragen rund um die digitale Langzeitarchivierung und als Plattform, um neu Orientierung suchenden Einrichtungen einen Anlaufpunkt zu bieten, von dem aus sie gezielte Unterstützung einholen können. Vor diesem Hintergrund ist verständlich, warum in nestor eine sehr viel größere Zahl von Einrichtungen mitwirken, als sich an der Zahl der Partner bemessen lässt. Veranstaltungen und Workshops gleichermaßen sowie eine große Zahl von Publikationen (beispielsweise das nestor-Handbuch) helfen mit, Erkenntnisse aus der Arbeit von nestor und seiner Arbeitsgruppen in die nationale und internationale Diskussion zu tragen.

Peter Schirmbacher hat nestor in den langen Jahren seiner Tätigkeit wesentlich mitgeprägt. Ein besonderer Akzent waren dabei Bemühungen, die Basis von nestor über die Kulturerbeeinrichtungen hinaus wesentlich zu erweitern und auch kommerziell agierende Partner für nestor zu gewinnen. Hier Kontakte in die Computer- und Softwareindustrie zu knüpfen und Partner für das gemeinsame Anliegen zu gewinnen, war ihm ein wichtiges Anliegen. Auch wenn es letztlich zumindest nicht stabil gelang, größere Konzerne an nestor zu binden, kann man doch festhalten, dass Peter Schirmbacher großen Anteil daran hatte, dass nestor in der öffentlichen Wahrnehmung große Präsenz auch außerhalb der Kernbereiche der Bibliotheken, Archive und Museen erreicht hat.

Die Aktivitäten von Peter Schirmbacher in nestor waren zeitlich und inhaltlich eingebettet in eine ganze Reihe von Projekten, die er und seine MitarbeiterInnen oft in Kooperation mit anderen Partnern durchführten. Ich nenne hier beispielhaft das DFG-geförderte Projekt LuKII – LOCKSS (Lots of Copies Keep Stuff Safe) und KOPAL (Kooperativer Aufbau eines Langzeitarchivs digitaler Informationen) Infrastruktur und Interoperabilität, in dem es um den Aufbau einer kostengünstigen, vollwertigen LZA-Infrastruktur (Aufbau eines CLOCKSS-Netzwerks in Deutschland) ging und andererseits um die Integration von Ergebnissen aus KOPAL (hier vor allem das Migrationsmanagement) in die Plattform LOCKSS, die als technische Basis für das CLOCKSS-Netzwerk fungiert. Thematisch eng verwandt waren außerdem die Projekte LAUDATIO, ein Repository zur nachhaltigen Speicherung und Bereitstellung von Forschungsdaten für die historische Linguistik und als übergeordnetes Nachweissystem das DFG-Projekt „re3data.org“, ein Web-basiertes Recherche- und Nachweissystem von Forschungsdaten-Repositorien.

Kennzeichnend für diese Projekte, die nur beispielhaft für viele andere stehen, ist, dass sie im Kern sämtlich Infrastruktur-bildend ausgerichtet sind. Verschiedene, zum Teil bereits etablierte Arbeits- und Serviceinstrumente werden zusammengebracht oder technisch so verknüpft, dass aus der Kombination ein Mehrwert für den wissenschaftlichen Anwender entsteht. Dabei war es Peter Schirmbacher ein besonderes Anliegen, neuere Entwicklungen in vorhandene, etablierte Abläufe einzubringen und sie so besser zu machen. Darum wundert es nicht, dass die Entstehung, Publikation und nachhaltige Absicherung von Hochschularbeiten in digitaler Form einen besonderen Schwerpunkt seiner Arbeit und der oft von ihm initiierten Projekte bildet: In mehreren Projekten wurde die Abgabe vor Ort und die zentrale Absicherung dieser Arbeiten zunächst prototypisch realisiert und dann in den dauerhaften Betrieb überführt. Auf dieser Linie liegt auch das jüngste Projekt in dieser Reihe, durchgeführt nun von der HU Berlin und der DNB unter dem Titel „eDissPlus“, das die fachlich angemessene, die Nachnutzung und Überprüfbarkeit der Daten sicherstellende Übernahme der bei der Entstehung dieser Arbeiten anfallenden Forschungsdaten in eine langfristig verfügbare Infrastruktur optimiert und entsprechende Abläufe etabliert.

Peter Schirmbachers Intention, durch solche Aktivitäten verstreute Fäden zusammenzuknüpfen, ließe sich auch an anderer Stelle weit außerhalb konkreter Projekte entdecken. So hat er über mehrere Jahre hinweg die Zusammenarbeit von DINI, der Deutschen Initiative für Netzwerkinformation und nestor auf fachlicher Ebene, insbesondere bei der Zertifizierung von Repositorien, an verschiedenen Stellen befördert.

Hinter all diesen Bemühungen und letztlich auch dem Engagement Peter Schirmbachers in nestor steht die sehr ernsthaft empfundene Besorgnis, dass viele der in Projekten entwickelten Lösungen keine Nachhaltigkeit erreichen, dass es nicht gelingt, größere, vernetzte, angemessen finanzierte und organisierte Infrastrukturkomponenten zu etablieren, die untereinander interoperabel sind und den NutzerInnen in Wissenschaft, Lehre und Forschung die dringend benötigten Dienste im Sinne einer Servicelandschaft zur Verfügung zu stellen. Wenn Schirmbacher schon 2011 fast kopfschüttelnd vor der Flut an nationalen und regionalen Empfehlungen steht und resümierend eine „deutschlandweite Gesamtstrategie“ einfordert, dann weist dies deutlich auf die Situation hin, die wir noch heute konstatieren müssen. Insbesondere der Bereich der Absicherung der Langzeitverfügbarkeit digitaler Objekte (Publikationen und Forschungsdaten) ist noch immer in hohem Maße in Teilanwendungen und -lösungen fragmentiert und nach Datentypen und Sparten segmentiert. Häufig hängt es von lokalen Zufällen ab, ob die stabile Absicherung von Forschungsergebnissen wirklich garantiert werden kann. An deutlichen Aussagen zu diesem Stand fehlt es nicht, zuletzt viele Vorgängerpapiere zusammenführen konnte das Empfehlungspapier des Rats für Informationsinfrastrukturen (RfII) „Leistung durch Vielfalt. Empfehlungen zu Strukturen, Prozessen und Finanzierung des Forschungsdatenmanagements in Deutschland“. Die hier angeregte Gründung einer Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) akzentuiert sehr deutlich die hohe Priorität, die die Nachhaltigkeit und Langzeitverfügbarkeit von Forschungsdaten für Wissenschaft und Forschung haben. An der klaren, insbesondere für Wissenschaft und Forschung jederzeit greif- und nutzbaren Gesamtstruktur für die Absicherung dieser digitalen Daten fehlt es. Dass nestor als Kompetenznetzwerk hier vielfach als ein wesentlicher Faktor und Anknüpfungspunkt für die Etablierung der erforderlichen Servicelandschaft benannt wird, ist nicht zuletzt auch ein Verdienst von Peter Schirmbachers Wirken für nestor. Vielleicht ist es nun allmählich so weit, dass die (forschungs-)politischen Entscheidungsträger in dem förderalen Gesamtsystem Deutschland nun ein klares Mandat aussprechen und dieses von Anfang an mit einer konkreten Finanzierungsperspektive versehen, ganz so wie es Peter Schirmbacher schon 2011 angemahnt hat.

Peter Schirmbacher at the IBI


By Michael Seadle

I met Peter in New Delhi in 2004 at the first International Conference on Digital Libraries [http://edoc.hu-berlin.de/oa/articles/revPOtUz6k7w/PDF/255GCq16nMV1U.pdf]. We were both invited speakers, who were lodging at the Habitat World guest house, which had a pleasant top floor bar that was vaguely reminiscent of colonial India. We were both drinking beer and both reading detective novels in German. Soon we started talking with each other and discovered many links. My grandfather lived in West Berlin at the time when Peter was growing up in the East. His son stayed with a family in Lansing, Michigan, not far from where I lived. We were both computing people, both interested in libraries, and quickly became friends. Later he visited my wife and me in Michigan, and we visited Peter and Maria when we were in Berlin.

When the University set up a Findungskommission to decide whether to keep the Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft (IBI), I saw Peter again. After the commission recommended keeping the IBI, there was talk of a professorship and a number of people encouraged me to apply. Peter also had an offer of a professorship elsewhere as well as in Berlin. I agreed to apply for the Berlin professorship for Digital Libraries if he stayed.

Friendship was not the only reason why I would not have applied if Peter had left. There was no way that an outsider could rebuild the school alone. As the director of the Computer and Media Service (CMS), he had the political connections within the University to open doors and he could introduce me to the University’s culture as only someone could who had truly grown up within the institution. In terms of policies and interests, we shared a common vision that put far more weight on the digital future. We also shared an interest in the culture of electronic publishing and we shared an interest in long term digital archiving. To put it plainly: The IBI today would be unthinkable without Peter. I could bring outside connections and initiatives, but they were effective only because Peter and I had a strong and reliable partnership that could shape our role in the University and in Germany as well as in the wider world.

I remember well when I came for my Berufungsverhandlung sitting in Via Nova eating lasagna and drinking beer and getting advice from Peter and others (I will be discreet and not name them here) about what I should ask for and what the IBI badly needed. That meeting laid the foundations for the financial and social resources necessary to effect the transformation. Peter talked, I listened. I learned a great deal from him, not merely then, but over the subsequent years.

The world in which Peter grew up, the German Democratic Republic, vanished when the wall came down. He used the opportunity of the reunification to transform our intellectual corner of German society in significant ways, one of which was his leadership role in DINI, the Deutsche Initiative für Netzwerkinformation, which has set a wide range of digital standards, including the certification of open access repositories, that remains an international model, He also created the edoc-Server and built it into one of the leading open access repositories in the country through a partnership with the University Library. This kind of partnership was and remains rare. Peter had the vision to understand that computer centers and libraries must share the information resources of universities in the digital age, and that they must work together to build both physical and intellectual infrastructure.

Peter’s legacy to the IBI reflects his interests in both electronic publishing and research data. The course on electronic publishing was unique in Germany when it began, and remains highly popular among students, in part because of Peter’s excellent teaching skills. Research data played a role in many of Peter’s grant projects, and he has built a strong group with ongoing interests in how we make research data available to scholars over time. This is probably one of the most important initiatives for the information science world. More and more funding agencies, including DFG, require projects to save their research data and to make them public, and Peter’s research and teaching have established a foundation for this.

Peter’s work with CMS is not the focus of this celebration, but some part of his philosophy there has played a role for the IBI. He always believed in building tools rather than outsourcing. He believed in open access rather than commercial restrictions on scholarly work. He did not merely espouse these principles, but lived them through his leadership at CMS. Building is harder than outsourcing, and selling open access is not easy in a world comfortable with existing commercial solutions. Peter has never lost sight of his goals. Those who can build are ultimately stronger. Those who make content freely available ultimately serve the future of science. These are commitments and ideas that our students should never forget.

Peter’s retirement is one more step in the generational change that is going on at the IBI. It is right and proper that a young new generation take over the leadership and have the freedom to reshape the school. Much will change and parts of his (and my) legacy will become the stuff of history. I am sure, however, that historians of the IBI will look back in 20 or 30 years and say: Peter Schirmbacher – he was a great man.

Ein wichtiger Impulsgeber für unsere Profession


Von Michael Kleineberg

Meine erste Begegnung mit Peter Schirmbacher war in einer Vorlesung zum Informationsmanagement im Rahmen meines Bachelorstudiums am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Er hatte mit Leidenschaft und Engagement über die Bedeutung von Informations- und Kommunikationstechnologien für die Gesellschaft und insbesondere für wissenschaftliche Einrichtungen gesprochen.

Kurz darauf wurde ich studentischer Mitarbeiter an seinem Lehrstuhl und war unter anderem in der Arbeitsgruppe Elektronisches Publizieren tätig. Schnell wurde mir klar, welchen Anteil Herr Schirmbacher als Direktor des Rechenzentrums der Humboldt-Universität zu Berlin, dem Computer- und Medienservice, am Aufbau digitaler Informationsinfrastrukturen hatte. Vor allem der universitätseigene edoc-Publikationsserver galt lange Zeit als Vorreiter auf dem Gebiet des wissenschaftlichen Open-Access-Publizierens. Darüber hinaus galt Herr Schirmbacher als eine treibende Kraft in überinstitutionellen Netzwerken, wie beispielsweise dem Verein Deutsche Initiative für Netzwerkinformation (DINI).

Zurzeit arbeite ich als Mitarbeiter in dem DFG-Projekt Elektronische Dissertationen Plus (eDissPlus) dessen Beantragung maßgeblich auf eine Initiative von Herr Schirmbacher zurückgeht. Ein Ziel des Projektes ist es, den edoc-Publikationsserver für die Veröffentlichung von Forschungsdaten weiter zu entwickeln. Daher bin ich sehr stolz, dass ich bei meiner vorerst letzten Begegnung mit Herrn Schirmbacher als Gast in seine Vorlesung zur digitalen Informationsversorgung eingeladen wurde, um von den ersten Zwischenergebnissen des neuen Projektes zu berichten.

Mit der Verabschiedung von Peter Schirmbacher geht ein wichtiger Impulsgeber für unsere Profession in den Ruhestand. Ich wünsche ihm die gleiche Energie für neue Herausforderungen.

Michael Kleineberg

…dass du immer deinen Humor im Gepäck hast…


Von Maxi Kindling

Lieber Peter,

ich habe erst bei den Vorbereitungen für deine Verabschiedung am IBI jeden Tag ein wenig mehr realisiert, dass du nicht mehr als mein Chef und als mein Doktorvater am Institut sein wirst, wenn ich aus der Elternzeit zurückkomme. Auch ich möchte gerne einen kurzen Blick auf die vergangenen Jahre zurückwerfen.

Ich habe 2006 als studentische Mitarbeiterin am Lehr- und Forschungsbereich Informationsmanagement angefangen. Ich habe mich damals sehr unbedarft auf eine Ausschreibung als SHK beworben und kannte dich nur vom Namen als Leiter des Rechenzentrums. Ich hatte zuvor keine Gelegenheit, deine Lehrveranstaltungen zu besuchen, u. a. weil ich wegen eines Auslandssemesters eine Weile gar nicht am IBI war. Von Themen wie dem Elektronischen Publizieren oder Informationsmanagement hatte ich keinen blassen Schimmer bzw. hatte ich durch die Gründung von LIBREAS. Library Ideas im Jahr 2005 und der Unterstützung von Ben Kaden bei der Gestaltung des IBI-Webangebots meine ganz eigenen Ideen davon. Mit LIBREAS unterstützten wir den Open-Access-Gedanken noch bevor an deinem Lehr- und Forschungsbereich aus der Idee ein Herzensthema wurde. Es war für mich eine sehr wichtige und wertvolle Erfahrung, sich an jemandem wie dir orientieren zu können, der sich mit Leidenschaft und großem Engagement für eine Sache wie Open Access einsetzt.

Zu Beginn meiner Tätigkeit als SHK bei dir hast du mir zwar ziemlich deutlich gesagt, was du von den damals drei Jobs und meinem darüber hinausgehenden Engagement bei verschiedenen Verbänden und bei LIBREAS gehalten hast. Aber du hast es dennoch mir überlassen, wie ich damit perspektivisch umgehe. Die Hauptsache war, dass der IBI-Job darunter nicht litt. Letztlich musste ich die anderen Stellen dann aufgeben, weil ein Studienabschluss sonst in noch weitere Ferne gerückt wäre, aber auch weil die Arbeit am IBI am besten zu meinen Interessen gepasst hat und weil dieser Job die größte Herausforderung war mit einem unglaublich breiten Spektrum an Arbeiten.

Es wird dir als Chef sicher häufig so gegangen sein, dass du mit Menschen zusammengearbeitet hast, die von einem Thema noch nicht besonders viel Ahnung hatten. Du hast deinen Mitarbeitern aber stets den Raum gelassen, sich zu entfalten und hast dir zugleich viel Zeit genommen, um dem Einzelnen auf die Sprünge zu helfen und sei es mit einem deutlichen Wort. Eine zufriedenstellende Arbeit abzugeben, war gar nicht so einfach. Dennoch hast du immer wieder die richtigen Worte gefunden, dass daraus nicht Frustration, sondern Motivation wurde. So war es immer das allergrößte, von dir ein Lob zu bekommen – und wenn es kam, ist man gleich einen halben Meter gewachsen.

In der Zusammenarbeit kamen häufig Gegensätze zutage. So bin ich eine ausgesprochene Nachteule und so manches Mal erntete ich dein großes Erstaunen, wenn ich auch um 9 Uhr kaum aus den Augen gucken konnte und du andersherum meinen tiefen Respekt für deine frühmorgendlichen Aktivitäten. Zum Glück teilen wir die Leidenschaft für (viel) Kaffee, so dass es stets Abhilfe für mich gab und ich wusste, dass ich bei dir nicht immer extra “Hallo” ins Büro rufen musste, wenn die Tür zu war, denn früher oder später trafen wir uns ohnehin an der Kaffeemaschine.

Auch in sprachlicher Hinsicht unterscheiden sich unsere Ansätze – du prägnant und ohne Umschweife, ich oft ausschweifend, immer auf der Suche, möglichst alle Perspektiven zu berücksichtigen und das möglichst in einem einzigen Satz wie diesem mit vielen, vielen Kommas zu Papier bringend. Das hat dich das eine und andere Mal verzweifeln lassen und deine Ausdrucke von meinen schriftlichen Ergüssen waren immer voll mit fein säuberlich notierten Anmerkungen und vor allem mit Fragezeichen. Mein einziger Trost hier war, dass es vielen anderen auch so ging. Ich erinnere mich auch an Gespräche z. B. über das Thema meiner Magisterarbeit, aus denen wir beide so manches Mal ratlos herausgingen. Jedenfalls fühlte es sich für mich so an. Inzwischen ist es so, dass ich selbst gelernt habe, meine Kolleginnen und Kollegen und Studierende mit der Exaktheit von Begriffen zu nerven. Sie dürfen sich daher gerne bei dir bedanken!

Viele der Autorinnen und Autoren des E(-hren)-Journals und insbesondere diejenigen, die einmal Studierende bei dir waren, bekräftigen den Respekt, den sie vor dir hatten und die natürliche Autorität, die du ausgestrahlt hast – auch ich werde beispielsweise den Moment nicht vergessen, in dem du mir das “du” angeboten hast (es war nach meinem Studienabschluss im März 2010 auf einer Konferenz in Potsdam) und ich weiß, dass es anderen Kollegen genauso ging. In dieser Hinsicht warst du eher an traditionellen Werten orientiert, zugleich waren dir – so wie man es sich von einem modernen Chef wünscht – die  persönlichen Belange deiner Mitarbeiter wichtig und du hast dir um sie viele Gedanken gemacht. Viel mehr als manch einer vielleicht glauben mag oder realisiert hat.

Rückblickend kann ich festhalten, wie wichtig die dir eigenen festen Positionen und Haltungen für mich und auch viele andere Kolleginnen und Kollegen waren – sie gaben uns Sicherheit und des Öfteren überlege ich, “was würde Peter jetzt tun?” oder “was würde Peter jetzt antworten?” Das hat zur Folge, dass eine Mail auch bei mir inzwischen kurz und knapp geraten kann. An anderer Stelle wie bei diesem Text bleibe ich aber gerne ausschweifend und schreibe lange Sätze 😉  Das Schöne an der Zusammenarbeit war außerdem, dass du immer deinen Humor im Gepäck hast, auch wenn wir über das Wort “eigentlich”, die Farbe von Präsentationsfolien oder deine Abneigung gegen das Festhalten an einer Wasserflasche diskutieren.

Wenn man so viele Jahre und in meinem Fall fast vom Beginn meines beruflichen Lebens an, zusammenarbeitet, hinterlässt das natürlich Spuren sowohl im privaten wie auch im beruflichen Leben. Ich weiß, dass ich großes Glück habe, einen Chef und Doktorvater wie dich zu haben und noch viel größeres Glück, dass du auch den gesundheitlichen Ausfall so gut überstanden hast und ich heute diesen Brief an dich richten kann. Ein Stück weit wächst man in einer solchen Zeit auch in persönlicher Hinsicht zusammen und so ist es einfach eine tolle Fügung und für mich wie ein Zeichen, dass die Geburt unserer Tochter mit deinem (65.) Geburtstag zusammenfällt. In beruflicher Hinsicht möchte ich damit schließen, dass ich jedem Berufsanfänger, jedem Studierenden, jedem Promovierenden, jedem Kollegen wünsche, dass er einen Peter Schirmbacher an seiner Seite hat! Danke für alles!

Fragebogen zur Verabschiedung von Prof. Peter Schirmbacher


Von Elke Greifeneder, Kirsten Schlebbe, Vera Hillebrand und Mareen Reichardt vom Lehrstuhl Information Behaviour

Vielen Dank, dass Sie an dieser nicht anonymen und völlig repräsentativen Studie unter Mitarbeitern und Studierenden des IBI teilnehmen. Ziel der Studie ist eine valide Aussage über den Wirkungsgrad von Prof. Peter Schirmbacher. Die Daten der Studie werden wir mit blinkenden und unvollständigen Metadaten in einem nicht in re3data gelisteten Repositorium zur Verfügung stellen.

Für Anmerkungen und Fragen wenden Sie sich bitte an den Lehrstuhl Information Behaviour unter noreply@ibi.hu-berlin.de.

Frage 1: Wie alt sind Sie?
So jung, wie Peter Schirmbacher aussieht
Älter, als Peter Schirmbacher aussieht

 

Frage 2: Wer ist der/die bestgekleidete Professor/in am IBI?
Die neue W2-Professur
Elke Greifeneder
Michael Seadle
Peter Schirmbacher
Vivien Petras

 

Frage 3: Was verbinden Sie mit der Lehre von Prof. Peter Schirmbacher?

 

Frage 4: Wie schätzen Sie Prof. Peter Schirmbachers Wert für das IBI ein?
Er ist unverzichtbar für das Institut
Er ist unersetzbar für das Institut
Was sollen wir nur ohne ihn machen?

 

Frage 5: Was wünschen Sie Prof. Peter Schirmbacher für seine persönliche Zukunft? (Mehrfachantworten möglich)
lebenslange mentale Fitness
Tatendrang & Forschergeist wie eh und je bis ins hohe Alter
eine offene und zuversichtliche Geisteshaltung mit leichtem Hang zum Realismus

Auswertung des Fragebogens zur Verabschiedung von Prof. Peter Schirmbacher

An der Befragung haben 101 Personen teilgenommen. Daher ist sie eindeutig repräsentativ. Auf die erste Frage nach dem Alter gaben 100 % der Teilnehmer an, älter als Prof. Peter Schirmbacher auszusehen (siehe Abb. 1). Dieses Ergebnis ist wenig verwunderlich, da niemand so jung aussehen kann wie Peter Schirmbacher. 80% der Teilnehmer sind der Meinung, Peter Schirmbacher sei der bestgekleidete Professor des IBI. Die weiteren 20% entfallen auf die neue W2-Professur. Dieses Ergebnis ist schwieriger zu deuten, ist aber möglicherweise ein Hinweis darauf, dass die Teilnehmer darauf hoffen, dass das Modebewusstsein am IBI auch nach Prof. Schirmbachers Abschied erhalten bleibt.

Abbildung 1 – Altersangaben der Teilnehmer

Abbildung 2 – Prof. Schirmbachers Wert für das IBI

Auf die Freitextfrage nach der Lehre von Prof. Schirmbacher haben wir 101 Einzelantworten erhalten, welche sich aber im Großen und Ganzen auf die folgenden drei Zitate reduzieren lassen:

„OA? Das A und O!“

„DINI, DINI, DINI“

„Toll, dass es immer Audio-Aufnahmen gab!“

Eine einfaktorielle ANOVA ergab zudem, dass es einen Effekt von Baulärm (F (2,27) = 8,67, p < 0,05) auf die Vermittlung von Prof. Peter Schirmbachers Inhalten gibt. Ein anschließend angewandter (post hoc) Newman-Keuls-Test zeigte, dass die Lehrinhalte zur Integrität während Baulärm besser gelernt werden konnten (p < 0,05) als Lehrinhalte zur Qualität von Daten und besser (p < 0,05) als das DINI-Zertifikat. Die Ergebnisse der beiden letztgenannten Gruppen waren jedoch nicht signifikant voneinander verschieden. Die Antworten auf die Frage nach Prof. Schirmbachers Wert für das Institut verteilten sich sehr gleichmäßig auf die drei Antwortmöglichkeiten (siehe Abb.2). Wir können daraus schließen, dass 100% der Teilnehmer Prof. Schirmbacher vermissen werden. Befragt nach den Wünschen für Prof. Schirmbachers persönliche Zukunft haben — für die Forscher völlig überraschend — alle Teilnehmer alle Antwortmöglichkeiten ausgewählt. Wir folgern daraus, dass er einfach so bleiben soll, wie er ist!
Danksagung
Wir danken allen Teilnehmern dieser Studie sowie Prof. Peter Schirmbacher für sein langjähriges Engagement für dieses Institut und die deutsche Bibliotheks- und Informationswissenschaft und wünschen ihm für den bevorstehenden Ruhestand alles Gute.