Open Access: Sichtbarkeit wissenschaftlicher Publikationen


Von Aline Hoetzeldt

Our mission of disseminating knowledge is only half complete if the information is not made widely and readily available to society.“

(Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities /
Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen, 2003)

A bbildung 1: Die Eisberg-Theorie – Sichtbarkeit vs. Unsichtbarkeit
Quelle: Work by Uwe Kils. CC BY-SA 3.0. http://www.ecoscope.com/iceberg/

Open Access bedeutet uneingeschränkter, kostenfreier und unbegrenzter Zugang zu Publikationen für jeden. Im Sinne der Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen1 vom 22. Oktober 2003 werden Wissenschaft und Forschung bestärkt, die digitale und weltweite Wissensverbreitung über Open‑Access‑Publikationen zu fördern. Dieser offene Zugang wird durch verschiedenste Indexing und Discovery Services weltweit sichtbar gemacht. Nur durch eine hohe Sichtbarkeit werden eine uneingeschränkte Auffindbarkeit und erst damit ein uneingeschränkter Zugang gewährleistet. Investitionen in die Sichtbarkeit, z. B. durch manuelles oder automatisches Melden der Metadaten einer Publikation an relevante Services, sind mindestens genauso wichtig wie eine Investition in Open Access.

Tabelle 1 beinhaltet einige Indexing und Discovery Services. Unter anderem sind Services gelistet, die ausschließlich Open-Access-Publikationen indizieren bzw. beinhalten.2

Baidu Scholar

J-Gate

PubMed Central

BASE

MEDLINE

QOAM*

Chemical Abstracts Service

Microsoft Academic

Scopus

CNKI Scholar

OAPEN*

Summon

DOAB*

OpenAIRE*

Web of Science

DOAJ*

OpenDOAR*

WorldCat

EBSCO Discovery Service

Primo Central

Google Scholar

ProQuest/CSA

Tabelle 1: Eine Auswahl einiger Indexing und Discovery Services, in alphabetischer Reihenfolge.
* Services ausschließlich für Open-Access-Publikationen

Einer der bekanntesten Services, um eine Suche nach wissenschaftlichen Publikationen zu beginnen, ist Google Scholar. Aber wollen und können wir uns auf Google Scholar und einige wenige andere beschränken? Je größer die Zahl der Services ist, in denen eine Publikation indexiert wird, umso höher ist die Auffindbarkeit und damit die Sichtbarkeit einer Publikation. Um die Sichtbarkeit einer Open‑Access‑Publikation zu verbessern, sollten nicht nur Services, die auf Open Access spezialisiert sind, sondern die Vielzahl der existierenden allgemeinen und fachspezifischen Services in Betracht gezogen werden.

Die folgenden Fragestellungen können eine Grundlage für weitere Diskussionen sein.

  1. Welchen Wert hat eine Open‑Access‑Publikation, die zwar frei zugänglich online steht, aber durch große und kleine Services nicht auffindbar ist?

  2. Autoren sollten sich vor Veröffentlichung über die Sichtbarkeit ihrer Publikation bei den Betreibern von Repositorien, Universitäts- oder Open‑Access‑Verlagen informieren können. Sollten sich Autoren bzw. Herausgeber komplett auf den angebotenen Indexierungsservice verlassen können oder sollten Autoren bzw. Herausgeber zusätzlich selbst investieren?

  3. Reicht es aus, wenn Betreiber von Repositorien, Universitäts- bzw. kleineren Open‑Access‑Verlagen selbst „Pi mal Daumen“ bestimmen, in welchen Services ihre Publikationen sichtbar gemacht werden? Ist es ihnen überhaupt finanziell zumutbar diesen Service kontinuierlich auszubauen?

  4. Müssten die Services den Aufwand für meldende Institutionen bzw. Personen erleichtern – beispielweise über Schnittstellen wie OAI-PMH3 für den OAI-Service-Provider?

  5. Sollte es weitere Standards oder Empfehlungen geben, wie Open‑Access‑Publikationen sichtbar gemacht werden? Sollten bestehende Standards und Empfehlungen bekannter gemacht werden?

  6. Welche Rolle können und werden Bibliotheken spielen?

Autoren und Herausgeber sind von Betreibern von Repositorien und Universitäts- und anderen Verlagen insofern abhängig, da diese maßgeblich mitbestimmen, inwieweit ihre Publikationen im Netz sichtbar sein werden. Eine Open‑Access‑Publikation ist frei zugänglich, solange der freie Zugang auch auffindbar und sichtbar ist. Für erfolgreiches elektronisches Publizieren ist auch die Auffindbarkeit von wissenschaftlichen Publikationen in unserer digitalen, vernetzten und globalisierten Welt eine Voraussetzung.

Herr Schirmbacher, Ihnen ist dieses E(hren)-Journal gewidmet und wie Sie in einem Ihrer zahlreichen Beiträge schreiben, ist die Schnelllebigkeit der technischen Möglichkeiten auch beim Publizieren angekommen, bei der es mitzuhalten gilt.

„Durch die Möglichkeiten der Digitalisierung und die weltweite Vernetzung befindet sich der wissenschaftliche Arbeitsprozess im Wandel, das Publizieren als Teil dieses Prozesses sicher auch, […].“ (Schirmbacher 2013, S. 36)

Ich persönlich, als Ihre ehemalige Studentin, möchte mich bei Ihnen für die wertvollen Informationen in Ihren Seminaren, zahlreichen Ratschlägen während meiner Bachelor- und Masterarbeit, wichtigen Anregungen für weitere Ideen auf dem Gebiet der Informationswissenschaft und dafür, dass Ihre Tür für uns Studenten immer offenstand, außerordentlich bedanken. Für Ihren Ruhestand wünsche ich Ihnen alles Gute!

Referenzen

Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities. 22. Oktober 2003. Verfügbar unter https://openaccess.mpg.de/Berliner-Erklaerung (Original) und https://openaccess.mpg.de/68053/Berliner_Erklaerung_dt_Version_07-2006.pdf (deutsche Übersetzung). (letzter Zugang 09. Januar. 2017)

open-access.net. Der freie Zugang zu wissenschaftlicher Information. Repositorien. Auffindbarkeit der Dokumente – das OAI-Protokoll. Verfügbar unter http://open-access.net/informationen-zu-open-access/repositorien/ (letzter Zugang 09. Januar 2017)

Open Access Netzwerk Austria (OANA) (Hrsg.). 2016. Checkliste für die Herausgabe von Open-Access-Zeitschriften an Forschungseinrichtungen. Version 2 (Stand: 1.3.2016). Verfügbarhttp://www.oana.at/fileadmin/user_upload/p_oana/oana/OANA-Checkliste-OA-Journals.pdf unter: (letzter Zugang 09. Januar 2017)

Schirmbacher, Peter. 2013. Digital born document oder Elektronisches wissenschaftliches Publizieren. In Andreas Degkwitz (Hrsg.). Auf dem Weg zur digitalen Bibliothek. Schriftenreihe der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin, 66. Berlin : Univ.-Bibliothek der Humboldt-Univ. S. 30–36. Verfügbar unter: https://www.ibi.hu-berlin.de/de/forschung/publikationen/infomanagement/pdfs/Schirmbacher2013.pdf (letzter Zugang 09. Januar 2017)

Aline Hötzeldt

Bibliotheks- und Informationswissenschaftlerin, M.A.
Berlin
Deutschland

E-Mail: aline.hoetzeldt@mail.com

Werdegang:

Aline Hötzeldt hat bis 2010 am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft in Berlin studiert und ist seit 2013 im Verlag De Gruyter im Bereich Zeitschriften tätig.

2Einige Services beinhaltet auch die Checkliste des Open Access Netzwerks Austria (OANA) mit Stand 1. März 2016. Diese Liste kann als Ergänzung hinzugenommen werden. (Open Access Netzwerk Austria (OANA) 2016)

3Siehe auch (open-acccess.net)

Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung


Von Vivien Petras

Lieber Peter,

als ich 2009 ans IBI kam, wurde ich sofort in das professorale Kollegium aufgenommen. Das war nicht selbstverständlich und ich werde dies nie vergessen. Man sieht dem Foto an, dass wir auch Spaß hatten. Aber egal, ob lustig oder ernst, positiv oder negativ, auf Deine Stimme und Deine Unterstützung konnte man sich immer verlassen. Dein Wissen über diese Universität, Dein besonnener und in sich ruhender Charakter und Deine immer sachlich und konstruktiv auf den Punkt gebrachten Aussagen haben einen wesentlichen Anteil daran, dass das IBI so erfolgreich ist, wie es ist. Oscar Wilde sagte, dass Nachahmung die höchste Form der Anerkennung ist. Nun denn: Ich kann nur hoffen, dass ich Dir in Charakterstärke, Persönlichkeit, Wissen und Initiative nachahmen kann. Wenn ich bei meiner Emeritierung auf ein Schaffenswerk wie Deines (mit Höhen und Tiefen) zurückblicken kann, darf ich mehr als stolz sein.

Herzliche Grüße und alles Gute für die bevorstehende, hoffentlich ruhigere Zeit!

 

Bleibende Spuren – wie ich Peter Schirmbacher erlebte


Von Uwe Müller

Mein Weg mit Peter Schirmbacher begann am 3. März 1998 um 10 Uhr, als ich mit Neugier und weichen Knien am schwarz lackierten Besprechungstisch des Zimmers 1060 im Hauptgebäude der Uni Platz genommen habe. Es ist das Büro des Rechenzentrumsdirektors, und ich war dorthin zu einem Vorstellungsgespräch für die Stelle einer studentischen Hilfskraft eingeladen worden. Das Aufgabengebiet war in der knappen Stellenausschreibung mit vier Punkten umschrieben: „Verwaltung (Aufbau und Wartung) des Dokumentenservers, Programmierung von Datenbank-Web-Schnittstellen, Beratung der Promovenden bei der Dokumentenerstellung, Umsetzung von elektronischen Dokumenten nach HTML/SGML“.

Das Thema Elektronisches Publizierens fand ich damals zwar einerseits irgendwie spannend. Konkrete Vorstellungen, worauf es dabei ankäme und was bei der praktischen Umsetzung zu beachten wäre, hatte ich aber kaum. Und so musste mir Peter Schirmbacher so manche recht tragfähige Brücke bauen, um das Gespräch einigermaßen am Laufen zu halten (Zitierfähigkeit? Dokumentenvorlagen? Langzeitarchivierung?). Dennoch hat er mir nicht das Gefühl gegeben, gänzlich unwissend zu sein, und ich wurde dann auch für die Stelle genommen – genauer: für eine Hälfte davon, denn ich teilte mir die eigentlich vorgesehenen 80 Monatsstunden mit einem Kommilitonen. Und so begann ich am 1. April 1998 meinen ersten Job bei Peter Schirmbacher – als studentischer Mitarbeiter im Rechenzentrum der HU.

Es sollte nicht der letzte bleiben. Insgesamt wurden es genau 13 Jahre, in denen ich in unterschiedlichen Konstellationen für ihn tätig war – eine Zeit, auf die ich vor allem dankbar zurückblicke und in der ich die Vielfalt und die Erfolge seines Wirkens erleben konnte. Denn das Projekt „Elektronisches Publizieren von Dissertationen der Humboldt-Universität zu Berlin“, für das ich eingestellt wurde, war nur der Anfang einer überaus stattlichen Reihe von Projekten und Aktivitäten auf diesem Feld und angrenzenden Gebieten, die durch Peter Schirmbacher und unter seiner Anleitung initiiert und durchgeführt wurden. Mit diesem ersten drittmittelfinanzierten Vorhaben – es wurde im Rahmen des so genannten Hochschulsonderpakts III (HSP III) gefördert – hatte Peter Schirmbacher den Grundstein für ein sehr ergiebiges Forschungs- und Arbeitsgebiet unter seiner Federführung gelegt, das später mit der Arbeitsgruppe „Elektronisches Publizieren“ als gemeinsamer Organisationseinheit von Universitätsbibliothek und Rechenzentrum und noch später mit dem Lehrstuhl für Informationsmanagement am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft auch einen formalen Rahmen bekommen sollte.

Doch zunächst war die Projektgruppe, die sich an der Humboldt-Universität um den Aufbau des Dokumentenservers kümmerte, recht überschaubar. Sie bestand neben Peter Schirmbacher und Norbert Martin, dem stellvertretenden UB-Direktor, aus Susanne Dobratz, der Projektverantwortlichen, sowie vier studentischen Mitarbeitern und traf sich immer freitags von 14 bis 16 Uhr im Raum 1064a, dem so genannten Demoraum des Rechenzentrums. Dessen modernes und zu diesem Zeitpunkt in deutschen Hochschulen seinesgleichen suchendes Interieur (das mit der hinter einklappbaren Schranktüren verborgenen Rückprojektionsfläche bei mir Assoziationen an ein futuristisches Lagezentrum weckte) steht sinnbildlich dafür, dass Peter Schirmbacher der Zukunft immer ein ganzes Stück voraus war.

So verhielt es sich auch mit dem Vorhaben, die Online-Veröffentlichung von Dissertationsschriften als eine weitere Möglichkeit zu etablieren, der Publikationspflicht nachzukommen, die für Promovierende nach erfolgreicher Disputation oder Verteidigung gewöhnlich noch zwischen ihnen und der Verleihung der Doktorwürde lauert. Der Akademische Senat der Universität tat sich alles andere als leicht damit, die elektronische Fassung (der ja immerhin noch vier gedruckte Exemplare an die Seite gestellt wurden) den traditionellen Veröffentlichungsarten gleichzustellen – etwa einer zünftigen Verlagspublikation oder der Einreichung teils mehrerer hundert Papierexemplare bei der Universitätsbibliothek. Als das höchste universitäre Leitungsgremium nach wiederholter Befassung und auf Drängen Peter Schirmbachers und Norbert Martins diese Regelung beschloss, dürfte die Humboldt-Universität dennoch die erste deutsche Hochschule gewesen sein, die diesen Veröffentlichungsweg erlaubte: Zum 1. Mai 1998 setzte der AS ein zentral gültiges Addendum für alle Promotionsordnungen der Universität als „fachübergreifende Verfahrensregel“ in Kraft, für die ja eigentlich die Fakultäten die Regelungshoheit besitzen.

Eine ähnliche – wenn auch diesmal nicht ganz so exponierte – Vorreiterrolle nahm die Universität auch in Sachen Open Access ein, als sie acht Jahre später, im Mai 2006, eine eigene Open-Access-Erklärung verabschiedete. Freilich war auch dieses Vorreiten kein Selbstläufer im Akademischen Senat, der den Beschluss letztlich fasste. Vielmehr hat die Humboldt-Universität ihr offizielles Bekenntnis zur freien Verfügbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse wiederum der Beharrlichkeit vor allem einer ihrer Mitarbeiter zu verdanken – Peter Schirmbacher. In seiner Funktion als Sprecher der Deutschen Initiative für Netzwerkinformation (DINI) hatte er bereits im Jahre 2003 zu den Erstunterzeichnern der Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities gehört, die auch der Humboldt’schen Open-Access-Erklärung zugrunde liegt.

Als Open Access zum offiziellen Ziel universitären Handelns erhoben wurde, war Peter Schirmbacher inzwischen zum Professor für Informationsmanagement am IBI bestellt worden (wo auch ich als sein wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Aufbau des neuen Lehr- und Forschungsgebiets mitwirken durfte) und bekleidete damit fortan zwei überaus arbeitsintensive Jobs an der Uni. Durch die Einrichtung der Professur wurde die Neuorientierung des gerade vor der Schließung bewahrten Instituts eingeleitet, die es bis heute prägt.

Zuvor wäre er der Humboldt-Universität allerdings beinahe ganz abhandengekommen. Denn im Jahr 2005 erhielt Peter Schirmbacher einen Ruf auf die Professur für IT-Management an die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, die damals ebenfalls mit der Leitung des dortigen Rechenzentrums verbunden war. Ich weiß noch, wie sehr er damals mit sich gerungen hat – um die Entscheidung zu gehen oder zu bleiben. Eine ganze Zeit schien es so, als hätte er gedanklich die Koffer schon gepackt, um nach 15 Jahren RZ- bzw. CMS-Leitung noch mal einen Neuanfang zu wagen. Die Möglichkeit, auch in Berlin einen Lehrstuhl aufbauen zu können und damit der anwendungsorientierten Forschung, die er ja bereits seit vielen Jahren betrieb, ein adäquates Dach zu bieten, und die theoretischen und praktischen Erkenntnisse auch an die Studierenden weitergeben zu können, hat wohl den Ausschlag fürs Bleiben gegeben – trotz der Verlockungen auf eine deutlich bessere Ausstattung in Düsseldorf.

Die Anzahl der Projekte, für die Peter Schirmbacher im Lauf seines langjährigen Wirkens Mittel bei der DFG, dem BMBF, der EU und auch innerhalb der HU eingeworben hat, ist Legion – nicht nur auf dem Feld des elektronischen Publizierens, sondern auch auf dem Gebiet der multimedialen Unterstützung der universitären Lehre, das ihm sehr am Herzen lag, und in den Bereichen Langzeitarchivierung, Forschungsdaten und IT-Sicherheit.

Dasselbe lässt sich für sein Engagement in Fachverbänden und Gremien und für sein Wirken in Wissenschaft und Fachöffentlichkeit sagen. 1999 beantragte er erfolgreich ein DFG-Projekt zum Aufbau von DINI. 2001 holte er die europäische Konferenz für universitäre Informationssysteme EUNIS nach Berlin. 2003 konnte er gemeinsam mit Ed Fox die erste ETD, die internationale Fachkonferenz für elektronische Dissertationen, außerhalb der USA eröffnen und weihte damit gleichzeitig das neu errichtete Erwin-Schrödinger-Zentrum auf dem Campus Adlershof ein, an dessen Konzeption er ebenfalls maßgeblich beteiligt war.

An der Humboldt-Universität hat Peter Schirmbacher weit über die Grenzen von CMS und IBI strukturbildend gewirkt. So ging die Etablierung eines CIO-Gremiums („Leitungsgruppe Informationsprozesse“) auf seine Initiative zurück, deren Vorsitzender er sieben Jahre lang war. Das auf sein Betreiben hin seit dem Jahr 2000 aufgelegte universitätsweite Multimedia-Förderprogramm (heute „Förderprogramm Digitale Medien in Forschung, Lehre und Studium“) hat viele innovative Projekte vor allem im Bereich E-Learning unterstützt. Natürlich ging er selbst mit gutem Beispiel voran und stellte die Aufzeichnungen seiner Vorlesungen am IBI als Screencasts online zur Verfügung – und stellte in den mündlichen Prüfungen dann immer wieder erstaunt fest, wie wortgetreu ihn die Studentinnen und Studenten wiedergeben konnten.

Auch wenn er seine Aktivitäten in Forschung und Lehre, seinen unmittelbaren Einsatz für die Entwicklung von Informationsinfrastrukturen nun etwas verringert (so ganz mag ich mir den bedingungslosen Ruhestand bei ihm noch nicht vorstellen), werden seine Spuren noch lange sichtbar bleiben und wird sein Einfluss noch lange nachwirken. Das liegt an dem großen Wirkungskreis, den er entfaltet hat, und an dem immensen Netzwerk, das er aufgebaut und gepflegt hat. Das liegt aber auch an den vielen Studierenden und nicht zuletzt an den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den zahllosen Projekten, die er geprägt hat. Sie tragen – da bin ich mir sicher – ein Stück von Peter Schirmbacher in sich und geben es weiter.

 

Lieber Peter!

Die erfolgreiche Umsetzung deiner vielen, oft visionären Ideen wäre ohne deine absolute Zielstrebigkeit und deine Selbstdisziplin kaum vorstellbar gewesen. Deine hohen Ansprüche hast du dabei natürlich auch als Maßstab an deine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angelegt und ihnen viel abverlangt. Das war manchmal ganz schön anstrengend, und zuweilen blieb das Gefühl, deinen Erwartungen am Ende doch nicht so ganz gerecht geworden zu sein. Aber du hast es eigentlich immer verstanden, den Funken deiner eigenen Begeisterung für die Sache auf andere überspringen zu lassen, in ihnen Motivation zu wecken und sie auf deine forschen Wege mitzunehmen. Du hast uns vieles ausprobieren lassen und dir immer wieder auch unseren Rat geholt. Die Jahre, die ich unter deiner Ägide am CMS und am IBI gearbeitet habe, waren für mich nicht nur überaus lehrreich. Die Zusammenarbeit mit dir hat auch – fast immer! – viel Freude gemacht (sonst wäre ich sicherlich auch nicht so lange geblieben). Dafür will ich dir ganz herzlich danken! Und für das Leben als Ruheständler wünsche ich dir viel Freude und alles Gute!

Uwe Müller

Peter Schirmbacher und die Langzeitarchivierung – eine geglückte Beziehung


Von Reinhard Altenhöner

Eine gleichbleibend wichtige Linie in Peter Schirmbachers langjähriger beruflicher Arbeit ist das elektronische Publizieren und in diesem Zusammenhang hat er sich auf vielfache Weise auch mit der Sicherung der Verfügbarkeit digitaler Objekte über lange Zeiträume hinweg beschäftigt. Neben einer ganzen Reihe von Projekten haben wir auch im nestor-Kompetenznetzwerk Langzeitarchivierung zusammengearbeitet. Und dies ist ein schöner Anknüpfungspunkt, um daran und an Peter Schirmbachers Rolle in nestor und sein Wirken auf dem Gebiet der LZA insgesamt zu erinnern und zugleich die Linie bis zum heutigen Stand der Langzeitarchivierung in Deutschland durchzuziehen.

Aus verschiedenen Gründen bildet nestor, das deutsche Kompetenznetzwerk zur digitalen Langzeitarchivierung, einen besonderen Kulminationspunkt im Wirken Peter Schirmbachers. Es entstand 2003 mit Hilfe einer Projektförderung des BMBF: Sechs Gründungspartner etablierten ein Netzwerk für die Belange der Langzeitarchivierung digitaler Ressourcen, einer dieser Partner war der Computer- und Medienservice (CMS) gemeinsam mit der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin. Peter Schirmbacher war als Leiter des CMS einer der wesentlich treibenden Kräfte bei der Antragstellung und Durchführung, er bestimmte die Ziele des Projekts ganz maßgeblich mit: Neben der Sensibilisierung für die Problematik und Dringlichkeit des Themas selbst ging es um den Aufbau eines Expertennetzwerks, die Gewinnung neuer und die Verbreitung vorhandener Informationen zu laufenden Forschungsvorhaben, Projekten und Best-Practice-Ergebnissen im Bereich der Langzeitarchivierung, aber auch um die Etablierung eines Forums für die Entwicklung und Koordination von Strategien zur Langzeitarchivierung und -verfügbarkeit digitaler Quellen. Dabei sollten von Anfang an internationale Entwicklungen einbezogen werden, nestor also auch als Brücke für die Verbindung zu vergleichbaren Initiativen im Ausland dienen. Daneben bildeten die konkrete Unterstützung und Entwicklung von relevanten Dienstleistungen, Technologien und Standards eine wesentliche Aufgabe im Portfolio des neu entstehenden Kompetenznetzwerks.

Hinzu kam – und vermutlich spiegelte sich gerade hierin die Sicht von Peter Schirmbacher – auch der Aufbau von strategischen Allianzen mit nationalen und internationalen Partnern aus Industrie und Forschungseinrichtungen, also Partnern jenseits der Gründungscommunity von nestor, die sich im Wesentlichen aus Kulturerbeeinrichtungen formierte. Mit dem Nachfolgeprojekt nestor II – Peter Schirmbacher nun im Beirat des Projekts aktiv, das CMS und die Universitätsbibliothek der HU Berlin blieben ein wesentlicher Partner – wurden in den Jahren ab 2006 diese Ergebnisse weitergeführt und neue Akzente gesetzt. So wurde etwa eine Reihe von Standardisierungsentwicklungen aus dem Kreis der nestor-Partner in die nationale Normenwelt (DIN) überführt und damit für wesentlich breitere Anwenderkreise sichtbar. Es erfolgte die Anbindung an die Grid/e-Science Community, in deren Aktivitäten die Anforderungen an die Sicherung der Langzeitverfügbarkeit insbesondere von Forschungsdaten sich zu einem wesentlichen Element entwickelten. Ein weiterer Schwerpunkt lag in der Abstimmung und Bereitstellung von Angeboten im Bereich der Aus- und Weiterbildung sowie in der stärkeren Zusammenarbeit der deutschen Hochschuleinrichtungen bei der Abstimmung und Weiterentwicklung der Curricula. Im Ergebnis verankerten nahezu alle Hochschulen in Deutschland das Thema der Langzeitarchivierung in ihren Lehrplänen, stimmten und stimmen sich regelmäßig ab und sorgen so einerseits dafür, dass der Nachwuchs mit einem definierten Wissensstand in den Beruf geht, andererseits ein gemeinsam akzeptierter Standard dazu existiert, was in diesem Fachthema vermittlungsrelevant ist. Ein weiteres Ziel des fortgeführten nestor-Projekts betraf – neben der inhaltlichen Verbreiterung des nestor-Angebots, das sich u. a. in einer Reihe neuer Arbeitsgruppen manifestierte – die Überführung des Projektes in eine dauerhafte Organisationsform.

Die Frage der Weiterführung von nestor nach dem Auslaufen der Förderung durch das BMBF stellte eine besondere Herausforderung dar: Schnell war klar, dass nur eine funktionierende Geschäftsstelle auf Dauer sicherstellen könne, dass die verschiedenen Aktivitäten und Arbeitsplattformen von nestor sich nicht fragmentieren oder auflösen und nestor mit einem klaren Profil sicht- und erkennbar bleibe, um seine zunehmend akzeptierte Rolle als Interessensvertretung der Kulturdomäne wahrzunehmen. In dieser Situation entschied die Deutsche Nationalbibliothek, durch die befristete Finanzierung einer Stelle die Fortführung der Arbeit abzusichern. Allerdings musste die Geschäftsstelle in das Gefüge der Partner eingepasst werden, deren Anforderungen einerseits und der Anspruch, auch kurzfristig auf Ereignisse oder Anfragen reagieren zu können andererseits in einer „internen Verfasstheit“ abgebildet werden. Das in den Jahren 2008 und 2009 austarierte Organisationsmodell mit einem Sprecherrat und einem Direktorium aller nestor-Mitglieder geht ganz wesentlich auf Peter Schirmbacher zurück und funktioniert noch heute. Insofern war es auch kein Wunder, dass Peter Schirmbacher auch bald die Rolle einer der drei Sprecher übernahm und eine Reihe von Jahren innehatte.

Nestor ist weiterhin aktiv und wird nun seit Juli 2009 als Kooperationsverbund von den bisherigen und einer ganzen Reihe neu hinzu gekommener Partnern weitergeführt. Es ist nestor gelungen, sehr unterschiedliche Institutionen aus unterschiedlichen Bereichen der Kultur unter einem Dach zusammenzubringen. Das ist umso bemerkenswerter, als die Zusammenarbeit der verschiedenen Sparten nicht viele Beispiele kennt, in denen über Jahre hinweg an einem gemeinsamen Thema gearbeitet wird – die Deutsche Digitale Bibliothek beweist gerade, welche Fortschritte erreicht wurden. Nestor-Partner stellen sich gegenseitig ihre Expertise zur Verfügung, gleichzeitig fungiert nestor als allgemeine Informationsplattform für Fragen rund um die digitale Langzeitarchivierung und als Plattform, um neu Orientierung suchenden Einrichtungen einen Anlaufpunkt zu bieten, von dem aus sie gezielte Unterstützung einholen können. Vor diesem Hintergrund ist verständlich, warum in nestor eine sehr viel größere Zahl von Einrichtungen mitwirken, als sich an der Zahl der Partner bemessen lässt. Veranstaltungen und Workshops gleichermaßen sowie eine große Zahl von Publikationen (beispielsweise das nestor-Handbuch) helfen mit, Erkenntnisse aus der Arbeit von nestor und seiner Arbeitsgruppen in die nationale und internationale Diskussion zu tragen.

Peter Schirmbacher hat nestor in den langen Jahren seiner Tätigkeit wesentlich mitgeprägt. Ein besonderer Akzent waren dabei Bemühungen, die Basis von nestor über die Kulturerbeeinrichtungen hinaus wesentlich zu erweitern und auch kommerziell agierende Partner für nestor zu gewinnen. Hier Kontakte in die Computer- und Softwareindustrie zu knüpfen und Partner für das gemeinsame Anliegen zu gewinnen, war ihm ein wichtiges Anliegen. Auch wenn es letztlich zumindest nicht stabil gelang, größere Konzerne an nestor zu binden, kann man doch festhalten, dass Peter Schirmbacher großen Anteil daran hatte, dass nestor in der öffentlichen Wahrnehmung große Präsenz auch außerhalb der Kernbereiche der Bibliotheken, Archive und Museen erreicht hat.

Die Aktivitäten von Peter Schirmbacher in nestor waren zeitlich und inhaltlich eingebettet in eine ganze Reihe von Projekten, die er und seine MitarbeiterInnen oft in Kooperation mit anderen Partnern durchführten. Ich nenne hier beispielhaft das DFG-geförderte Projekt LuKII – LOCKSS (Lots of Copies Keep Stuff Safe) und KOPAL (Kooperativer Aufbau eines Langzeitarchivs digitaler Informationen) Infrastruktur und Interoperabilität, in dem es um den Aufbau einer kostengünstigen, vollwertigen LZA-Infrastruktur (Aufbau eines CLOCKSS-Netzwerks in Deutschland) ging und andererseits um die Integration von Ergebnissen aus KOPAL (hier vor allem das Migrationsmanagement) in die Plattform LOCKSS, die als technische Basis für das CLOCKSS-Netzwerk fungiert. Thematisch eng verwandt waren außerdem die Projekte LAUDATIO, ein Repository zur nachhaltigen Speicherung und Bereitstellung von Forschungsdaten für die historische Linguistik und als übergeordnetes Nachweissystem das DFG-Projekt „re3data.org“, ein Web-basiertes Recherche- und Nachweissystem von Forschungsdaten-Repositorien.

Kennzeichnend für diese Projekte, die nur beispielhaft für viele andere stehen, ist, dass sie im Kern sämtlich Infrastruktur-bildend ausgerichtet sind. Verschiedene, zum Teil bereits etablierte Arbeits- und Serviceinstrumente werden zusammengebracht oder technisch so verknüpft, dass aus der Kombination ein Mehrwert für den wissenschaftlichen Anwender entsteht. Dabei war es Peter Schirmbacher ein besonderes Anliegen, neuere Entwicklungen in vorhandene, etablierte Abläufe einzubringen und sie so besser zu machen. Darum wundert es nicht, dass die Entstehung, Publikation und nachhaltige Absicherung von Hochschularbeiten in digitaler Form einen besonderen Schwerpunkt seiner Arbeit und der oft von ihm initiierten Projekte bildet: In mehreren Projekten wurde die Abgabe vor Ort und die zentrale Absicherung dieser Arbeiten zunächst prototypisch realisiert und dann in den dauerhaften Betrieb überführt. Auf dieser Linie liegt auch das jüngste Projekt in dieser Reihe, durchgeführt nun von der HU Berlin und der DNB unter dem Titel „eDissPlus“, das die fachlich angemessene, die Nachnutzung und Überprüfbarkeit der Daten sicherstellende Übernahme der bei der Entstehung dieser Arbeiten anfallenden Forschungsdaten in eine langfristig verfügbare Infrastruktur optimiert und entsprechende Abläufe etabliert.

Peter Schirmbachers Intention, durch solche Aktivitäten verstreute Fäden zusammenzuknüpfen, ließe sich auch an anderer Stelle weit außerhalb konkreter Projekte entdecken. So hat er über mehrere Jahre hinweg die Zusammenarbeit von DINI, der Deutschen Initiative für Netzwerkinformation und nestor auf fachlicher Ebene, insbesondere bei der Zertifizierung von Repositorien, an verschiedenen Stellen befördert.

Hinter all diesen Bemühungen und letztlich auch dem Engagement Peter Schirmbachers in nestor steht die sehr ernsthaft empfundene Besorgnis, dass viele der in Projekten entwickelten Lösungen keine Nachhaltigkeit erreichen, dass es nicht gelingt, größere, vernetzte, angemessen finanzierte und organisierte Infrastrukturkomponenten zu etablieren, die untereinander interoperabel sind und den NutzerInnen in Wissenschaft, Lehre und Forschung die dringend benötigten Dienste im Sinne einer Servicelandschaft zur Verfügung zu stellen. Wenn Schirmbacher schon 2011 fast kopfschüttelnd vor der Flut an nationalen und regionalen Empfehlungen steht und resümierend eine „deutschlandweite Gesamtstrategie“ einfordert, dann weist dies deutlich auf die Situation hin, die wir noch heute konstatieren müssen. Insbesondere der Bereich der Absicherung der Langzeitverfügbarkeit digitaler Objekte (Publikationen und Forschungsdaten) ist noch immer in hohem Maße in Teilanwendungen und -lösungen fragmentiert und nach Datentypen und Sparten segmentiert. Häufig hängt es von lokalen Zufällen ab, ob die stabile Absicherung von Forschungsergebnissen wirklich garantiert werden kann. An deutlichen Aussagen zu diesem Stand fehlt es nicht, zuletzt viele Vorgängerpapiere zusammenführen konnte das Empfehlungspapier des Rats für Informationsinfrastrukturen (RfII) „Leistung durch Vielfalt. Empfehlungen zu Strukturen, Prozessen und Finanzierung des Forschungsdatenmanagements in Deutschland“. Die hier angeregte Gründung einer Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) akzentuiert sehr deutlich die hohe Priorität, die die Nachhaltigkeit und Langzeitverfügbarkeit von Forschungsdaten für Wissenschaft und Forschung haben. An der klaren, insbesondere für Wissenschaft und Forschung jederzeit greif- und nutzbaren Gesamtstruktur für die Absicherung dieser digitalen Daten fehlt es. Dass nestor als Kompetenznetzwerk hier vielfach als ein wesentlicher Faktor und Anknüpfungspunkt für die Etablierung der erforderlichen Servicelandschaft benannt wird, ist nicht zuletzt auch ein Verdienst von Peter Schirmbachers Wirken für nestor. Vielleicht ist es nun allmählich so weit, dass die (forschungs-)politischen Entscheidungsträger in dem förderalen Gesamtsystem Deutschland nun ein klares Mandat aussprechen und dieses von Anfang an mit einer konkreten Finanzierungsperspektive versehen, ganz so wie es Peter Schirmbacher schon 2011 angemahnt hat.

Förderer der Buchprojekte


Von Petra Hauke

Lieber Herr Schirmbacher,

es freut mich, dass das IBI Ihren Abschied zum Anlass nimmt, Ihnen zu Ehren ein Fest auszurichten, das Ihre Verdienste für das Institut gebührend würdigt. Ich habe Sie in Ihrer Zeit am Institut als Förderer der Buchprojekte, als Autor bei der Festschrift für Walter Umstätter –  „Möglichkeiten und Grenzen des elektronischen Publizierens“ zum Abstract – sowie bei unserem aktuellen Buchprojekt „Bibliothek. Forschung für die Praxis“ mit Ihrem Beitrag „Dimensionen des Forschungsdatenmanagements im digitalen Zeitalter“ sowohl in Ihrer Professionalität als auch in Ihrer stets freundlichen und warmherzigen Art schätzen gelernt. Dafür danke ich Ihnen.

Ich bedaure, an Ihrem Fest nicht teilnehmen zu können, da ich in dieser Zeit im Urlaub bin.

Ich wünsche Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute, vor allem gesundheitlich, und noch viele Jahre, um Ihren Ruhestand zu genießen und mit Freude Dinge tun zu können, die während des aktiven Berufslebens oft zu kurz kommen.

Mit sehr herzlichen Grüßen

Petra Hauke